Mittwoch, 6. Juli 2011

Kreativer Frust

Kreativer Frust - ich habe das Gefühl, daß kaum Zeit bleibt, wirklich kreativ zu arbeiten. Zwischen Kind, Haushalt, Alltagskram, Ehemann, Telefonaten mit der Familie, Papierkram, Aufsetzen der Selbständigkeit und - ja, immer noch - der Unvollendeten, die mir wie Blei im Magen liegt (ich gebe zu, ich vergesse sie über Wochen, bis mir siedendheiß einfällt, daß ich um Himmels willen endlich die Fußnoten in Ordnung bringen muß. Das ist alles. Wirklich. Nur noch drei Fußnoten!!!). Gerade erst war es wieder so ein Tag. Die Woche hat angefangen mit einem (teilweise überflüssigen) Arztbesuch, Hetze zum Arbeitsplatz des Mannes, um den Blumenstrauß abzuholen, zum Kindergarten, zur Playgroup, zum Geschenkkaufen, zum DVD-Abgeben, zum Kochen. Heute ging es ähnlich: Logopädin, Kindergarten, überfällige Büchereibücher, Kindergarten, Geburtstag und jetzt wollte das Kind trotz fünfstündigen Bauernhofaufenthalts nicht wirklich ins Bett. Liegengeblieben ist eine Menge. Haushalt. Papierkram. Fotos, die ich eigentlich noch verschicken muß. Dringende Recherchearbeiten.

Und so läuft mir Tag für Tag die Zeit davon. Irgendwie ist nie genug Zeit da, um der Kreativität Raum zu geben. Dem bißchen, was noch da ist. Denn: Kreativität braucht Zeit. Zeit zu wachsen. Es muß nachgedacht werden über Dinge, die ausgedrückt werden wollen. Nimmt der Alltag Überhand, dann bleibt nichts mehr, was noch gesagt werden muß, denn man nimmt sich nicht den Raum, nachzudenken. Nachdenken über das, was man zu sagen hat, über das, was noch übriggeblieben ist von dem, was man sagen will. Nachdenken über das, wie man das ausdrücken will, ob es nun jemanden interessiert oder nicht. Auf diese Weise - durch das Überhandnehmen des Alltags, Überhandnehmen der "wichtigen" Dinge - ist meine Malerei eingegangen, eines kläglichen Todes gestorben. Das Desinteresse hat gewonnen, denn zu mühsam ist die Beschäftigung mit Pinsel und Farbe.

Zum Glück gibt es ja die Fotografie, die, wenngleich nicht viel weniger schwierig, in weniger Zeit bewältigt werden kann - eine sehr verführerische Illusion. Denn auch bei der Malerei, man sollte sich das klarmachen, geht es nicht um das Malen an sich. Malen kann jeder Depp lernen. Es geht um das Meistern der Technik, bis sie so weit verinnerlicht ist, daß sie intuitiv wird. Das ist die Leichtigkeit, der Eindruck der Mühelosigkeit, der bei den wirklichen Meistern immer wieder in den Bildern zum Vorschein kommt. Schwieriger ist es, das Bild zu meistern. Komposition, Aussagekraft, nicht nur ein Bild zu schaffen, sondern ein Bild, das in dem Akt der Betrachtung beim Betrachter etwas auslöst: eine seelische Regung, Nachdenken, Überwältigung. Und genau darum geht es doch im Grunde auch bei der Fotografie, jedenfalls bei der Art Fotografie, die nicht für irgendwelche Stockagenturen, Werbung etc. gemacht wird, sondern der Fotografie, die kreativer Ausdruck ist. Die Technik ist eine andere, das Ziel ist dasselbe.

Aber um kreativ zu sein, braucht es Zeit, denn Kreativität ist ein Akt des Suchens. Und für diese Suche kann man keine Ablenkung gebrauchen. Sie ist nicht "eben mal so" dahingeschludert. Sie passiert nicht schnell, schnell zwischen Küche und Kindergarten. Sie kann nicht in der Zeit erfolgen, die ich mir abknapse, um zu fotografieren. Schnell, schnell, noch raus um das Licht auszunutzen. Suche nach dem idealen Standpunkt? Egal, keine Zeit. Warten auf den genau richtigen Moment? Keine Zeit, ich habe nur eine halbe Stunde. Und so weiter. Geduldiges Arrangieren und Rearrangieren, um die Komposition zu finden - keine Zeit, es muß auch so gehen. Und so knipse ich vor mich hin, ohne mir wirklich Zeit zu nehmen, meine Fotografie zu überdenken, zu überlegen, zu warten, zu suchen, mich zu fragen, was ich eigentlich erreichen will. Und ärgere mich hinterher über die Ergebnisse, weil ich nicht vorher durchdacht habe, was ich eigentlich will.

Das Schlimmste dabei ist, daß ich allen anderen die Schuld zuschustere. Meinem Mann, weil, naja, er ist sowieso immer derjenige - schließlich ist der Ärmste ja mit mir verheiratet. Meinem Sohn, weil er mal wieder nicht ohne Kuscheln ins Bett will ud mir meine freie Zeit "raubt". Dem Mistding Fernseher, der im Hintergrund dudelt und mich bei der Konzentration stört. Tati, weil sie wieder endlos am Telefon quasseln will. Dem Haushalt, der nie endet. Und so weiter. Und am Ende bin ich frustriert. Im tiefsten Inneren weiß ich ja, daß ich es selbst Schuld bin, da ich mir die Zeit nicht nehme. Ich setze mich hin und lasse mich von Flickr oder den zahllosen Blogs ablenken, denn es ist, wir kommen jetzt zum Kern der Sache, einfacher so.

Nachdenken ist anstrengend. Punkt. Schlampige, mittelmäßige Arbeit ist weniger zeitraubend, weniger mühsam, weniger von allem. Ich mache es mir zu leicht. Zu leicht damit zu sagen, daß alle anderen und alles andere Schuld ist. Das ist nämlich gar nicht wahr. Zu leicht damit zu sagen, daß ich keine Zeit habe, weil nichts mir Zeit läßt. So, daher in Zukunft der Vorsatz: ein Mal pro Monat endlich meine, mir schon seit gut einem Jahr herumspukende Fotoserie, umzusetzen. (Damit meine ich übrigens den rein fotografischen Aspekt, bzw. den Aspekt des Bildproduzierens. Das Ganze zu entwickeln kann länger dauern.) Kein Essen, keine Landschaft, sondern..ja, irgendetwas anderes.

Ob ich es hier zeige oder nicht, weiß ich noch nicht, nur eben, daß es Zeit wird, den Frust loszuwerden und endlich mit der Prokrastination aufzuhören. Endlich anfangen, endlich weiterkommen.


Kommentare:

Ubakel hat gesagt…

Ja, ein gut verständlicher Beitrag. Es gibt so einige Überschneidungen zu mir. Das regt zum Weiterdenken an.

Ich habe neulich meine Masterarbeit endlich zu Ende korrigiert und einigen Leuten gemailt. Es war befreiend. Die Korrektur kann sich ja tatsächlich ewig hinziehen, sofern kein fixer Abgabetermin vorhanden ist.

Eigentlich wollte ich jetzt auch etwas anderes machen als interessante Blogs lesen und wünsche viel Erfolg für die Woche!

Susi Sonnenschein hat gesagt…

Das schlimmste ist ja, daß das blöde Ding von mir nicht mal mehr korrigiert werden muß, sondern wegen einiger Formfehler noch nicht veröffentlicht werden sollte. Ich habe sämtliche Fußnoten in den letzten Wochen überarbeitet, die beanstandeten Stellen geändert und allen Ernstes: es fehlen nur noch zwei oder drei Quellenangaben. Alles, was ich noch machen muß ist, meinem Prof. zu mailen und ihn über die letzten Formalitäten zu befragen. Apropos: das mache ich auch morgen endlich, dann dürfte ich mich im September endlich Frau Dr.phil nennen und stolz betonen, daß mein Titel echt ist...

Aber Hochachtung: Masterarbeit fertig zu machen, wenn man arbeitet und Kinder hat, ist wirklich keine Kleinigkeit (und es war garantiert kein Zuckerschlecken, oder).

Susi Sonnenschein hat gesagt…

Und wo ich so darüber nachdenke, ist es traurig, daß ich meiner Arbeit so ablehnend gegenüberstehe, daß ich sie "Blödes Ding" nenne. Eigentlich müßte ich doch stolz darauf sein. Mein Herzblut steckt darin, so daß es eigentlich egal sein müßte, daß sie nicht erstklassig war.

Ubakel hat gesagt…

Es sind ja wirlich nur noch Kleinigkeiten. Und Dr. Phil hört sich gut an...

Vermutlich müssen Doktorarbeiten immer noch in Buchform veröffentlicht werden?

Das mit meinem Aufbaustudium hätte ich ohne meine Mutter nicht geschafft. Das Studium hatte ich begonnen, als ich noch kinderlos war.

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