Mittwoch, 9. März 2011

Aufreger

Mann, was haben wir uns alle über diese Affäre hier aufgeregt. Wochenlang war das in den Medien und, ja, ich gebe zu: mich hat es ebenfalls aufgeregt. Aber ganz ehrlich: war es das wert? Ich denke, eher nicht. Ich meine damit nicht, daß er keine Strafe verdient hat, sondern diesen ganzen Medienzirkus, der zu aufgebauscht war, um noch irgendetwas ernst nehmen zu können.

Und gestern? Ja, gestern bin ich auf einen echten Aufreger gestoßen. Natürlich war ich zu spät dran, das Ganze lief schon vor Wochen im Fernsehen und eigentlich gibt es das schon seit Jahrzehnten, ist bekannt und wird geduldet. Etwas, das eigentlich so sehr zum Himmel stinkt, daß es mich wundert, daß es möglich ist, das Ganze unter den Tisch zu kehren. Ich rede von Handys, deren Akku eine eingebaute Lebensdauer von gerade mal ein paar Monaten besitzt und der nicht austauschbar ist. Ich rede von Druckern, die einen Chip zur Lebensdauerbegrenzung besitzen. Ich rede von Ketchupflaschen und Druckerpatronen, die sich nicht vollständig entleeren lassen. Ich rede von Software, die so aufgebläht ist, daß ein wenige Jahre alter Rechner diese nicht mehr bewältigen kann und dabei auch nicht mehr aufgerüstet werden kann. Strumpfhosen, technischen Geräten und Kleidern, die schneller verschleißen als man gucken kann - und es liegt Absicht dahinter.

Es ist eine Sache, ob man konsumiert, weil man in oder hip sein will und meint, das immer Neueste ist gerade gut genug - das liegt im Ermessen des Einzelnen. Es ist ja auch nichts dagegen zu sagen, ab und zu mal shoppen zu gehen. Ich freue mich ja auch über mein neues Täschchen oder den neuen, todchicken Pulli. Vielen braucht man auch tatsächlich, zum Beispiel Kinderkleidung, die permanent ersetzt werden muß. Doch über das shoppen als Bürger wahrgenommen zu werden - Stichwort: wir als Konsumengen und Verbraucher - fühlt sich komplett falsch an. Das ist doch demütigend, oder sehe ich da was falsch? Ich bin doch nicht nur Käufer, der die Marktwirtschaft als Selbstzweck am Laufen hält? Oder doch?

Was nicht im Ermessen liegt sind eingebaute Fehler, die einen geradezu dazu zwingen zu konsumieren, ob man will oder nicht. Gennant: Geplante Obsoleszenz. Ich habe mich schon so oft über zu schnell kaputtgehende Teile, Kleidungsstücke, Elektronik geärgert. Mir war aber aus irgendeinem Grunde nicht bewußt, daß es kein Zufall ist, sondern tatsächlich eine ausgeklügelte Marketingstrategie.

Es macht unglaublich wütend, mich unglaublich wütend, das zu erfahren, das alles, was man irgendwie geahnt hat, worüber man sich oft gengu geärgert hat, einmal systematisch vor Augen geführt zu bekommen. Mit welchem Recht wird das überhaupt gemacht? Mit welchem Recht produzieren wir diese vollkommen überflüssigen Berge von Müll, den keiner braucht, keiner haben will und an dem sich nur einige wenige bereichern wollen? Es geht doch auch anders, warum macht das keiner? Es kommt ja noch hinzu, daß der Müll produziert werden muß und das zum Teil ebenfalls unter übelsten Bedingungen.

Insgesamt kann unsere Konsumgesellschaft eine verheerende Umweltbilanz vorweisen, die sauber unter den Teppich gekehrt wird, weil sich die Umweltdiskussion heutzutage nur noch auf die Klimafrage beschränkt. Über vergiftete Flüsse, unzersetzbaren Plastikmüll, giftige Abfälle, die Grundwasser und Böden belasten - zum Glück nicht bei uns, sondern "nur" in Drittweltländern - davon redet keiner. Über Kinderarbeit, Kriege, Hunger und Armut, die durch diesen ungehemmten Konsum hervorgerufen wird, redet auch kaum jemand. Es ist ja alle so weit weg.

So, ich weiß, mein Blog ist nicht politisch, nicht sozialkritisch, sondern nur ein Happy-go-lucky-Alltagsgeschwafel mit Bildern, aber das mußte trotzdem mal raus. Es war erschreckend, beängstigend und einfach nur schlimm, sich klarzumachen, daß man an dem ganzen System nichts ändern kann, jedenfalls nicht als Einzelner. Daß mit einem gespielt wird, daß man nach der Pfeife der Industrie tanzt, daß man vermittelt bekommt, daß es gar nicht anders geht, daß es eben so ist, wie es ist und daß es auch noch gut ist. Es ist zum Kotzen und ganz ehrlich: hier wäre Aufregung angebracht. Eine ganze Menge davon und auf breiter Front.

Zu sehen ist die Doku in mehreren Teilen hier. Literatur zum Thema gibt es online hier.

Kommentare:

Jana hat gesagt…

Ich habe gerade vor einen halben Stunde eine Reportage über den so gesunden Pengasius Fisch gesehen, der vor allem die Überfischung verhindern soll. Ich persönlich hatte ihn bisher noch nicht gekauft und werde es nach dieser Reportage auch niemals tun. Denn was ich dort gesehen habe, läßt mich mal wieder am Menschen verzweifeln....

Was ich aber sagen wollte, ich habe mich nicht über KTzG geärgert. Was er getan hat, passiert tagtäglich an den Unis. Jeder Student weiß, wo und wie er sich entsprechend Hilfe holen kann.

Ich habe mich eher über die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft/Politikerkaste geärgert, die über Recht und Moral schwafelt und dabei viel mehr Dreck am Stecken hat. Warum regt sich keiner über die Machenschaften zum E10 auf, das hat schon lange nichts mehr mit Biosprit zu tun. Warum werden die Politiker nicht zur Rechenschaft gezogen, die uns für Erdgas und Erdöl verkaufen? Die Hedgefonds-Händler, die die Preise für Nahrungsmittel ins Unermessliche treiben. Die dürfen weiter machen wie bisher. Aber eine wahrscheinlich nicht selbst geschriebene Doktorarbeit ist das Vergehen des Jahrhunderts. Mir geht diese unehrliche, mobbende Gesellschaft so richtig gegen den Strich.

Und ein letzter Satz. Schreib ruhig über solche Themen. Ich finde es auch in meinem Blog schade, dass - wenn ich mal politisch werde - so gut wie nicht diskutiert wird. Auch wenn wir keine studierten Politologen und eher Hausfrauen mit Diplom sind, sind wir aber doch diejenigen, die die Gesellschaft verändern können. Durch unsere Erziehung, durch unser Einkaufsverhalten...

Susi Sonnenschein hat gesagt…

Genau das ist es ja auch, worüber ich mich geärgert habe: nicht das Plagiat oder wie man das nennen sollte, sondern diese verlogene Doppelmoral, die er an den Tag gelegt hat. Ob es jetzt um eine abgeschriebene Dissertation geht oder Steuerhinterziehung oder noch Schlimmeres ist mir dabei relativ gleichgültig - Unehrlichkeit und daß diese als selbstverständlich bei unseren Volksvertretern hingenommen wird und sogar noch darüber diskutiert wird, daß das ja im Grunde okay ist. Das war es eher. Und genau diese Soppelmoral sieht man an allen Ecken, wie du schon sagtest: Heuschrecken, die mit Lebensmitteln spekulieren, E10, und so weiter, überall.

Die Pangasius-Reportage habe ich leider nicht gesehen, ich habe es mal wieder vergessen, aber es gibt so viele leidvolle vergleichbare Sachen, die passieren, daß ich mir gut vorstellen kann, was da abgeht. Ich schaue es mir noch an, geht ja online. Aber guck dir doch die Rinderhaltung in den USA an, bei dem die Tiere im eigenen Dreck stehen und leiden, den Maisanbau, der die fruchtbaren Ackerböden in Giftmüll verwandelt hat, Regenwald, der wahlweise für den Soyaanbau oder die Rinderzucht abgeholzt wird, Essen, das tonnenweise weggeworfen wird, Hühnerhaltung, Metalle, die unter Bedingungen abgebaut werden und Kriege am Laufen halten, Diktatoren und Terrorregime, die von den westlichen Regierungen hofiert werden, damit das Öl weiter fließt und und und. Man könnte verzweifeln.

Ich fand eine Forumsdiskussion äußerst spannend, die ich mal bei SPON gesehen habe, gut, das kann man nicht ernst nehmen, aber trotzdem. Es ging darum um steigende Lebensmittelpreise. Es wurde hin und herdiskutiert, daß das ganz fürchterlich schlimm sei, daß die Preise um ein paar Cent steigen. Gut, ist es natürlich auch, wenn du an der Grenze lebst, weiß ich. Aber ein Artikel weiter ging es um verhungernde Menschen in asiatischen Ländern, die wegen der verdammten Lebensmittelspekulationen verhungern - da hat sich kein Mensch drüber aufgeregt. Nichts. Keine Diskussion, ist ja alles so weit weg.
Und das ist es wahrscheinlich: all die schlimmen Dinge stoßen nicht uns selber zu, geschehen entweder weit weg oder sind unter Veschluß gehalten. Darüber regt sich keiner auf, denn was man nicht sieht, passiert ja nicht.

Ja, und auch wenn hier keiner reagiert hat, ich mußte einfach ein paar Worte dazu schreiben. Manchmal darf auch eine diplomierte Hausfrau ihre Meinung rauströten. Und was die studierten Politologen angeht: die, die Ahnung haben, gehen ja nicht in die Politik, oder?

Susi Sonnenschein hat gesagt…

Und es soll natürlich nicht Soppelmoral heißen, auch wenn das niedlicher klingt...

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